Friedrich-Wilhelm
Schnurr
Bach Klavierwerke
1929 – 2017
OK
Klavierwerke von J. S. Bach

Es ist heute aus guten Gründen üblich, Klavierwerke von Johann Sebastian Bach und anderen Barock-Komponisten vorzugsweise auf Originalinstrumenten zu spielen, also auf dem Cembalo oder auf dem Clavichord. Dennoch ist es nicht überflüssig geworden, insbesondere Bach weiterhin auch auf dem modernen Flügel zu spielen, im Konzert, im Aufnahmestudio und vor allem im Unterricht. Denn es gibt kaum einen Komponisten, dessen Werke zur Bildung des musikalischen Bewußtseins und des künstlerischen Geschmacks so hilfreich sind wie die von J.S.Bach. Er selbst hat beispielsweise seine zwei- und dreistimmigen Inventionen ausdrücklich zu pädagogischen Zwecken geschaffen: Sie sind als Einführung in die Kunst der Komposition gedacht, da jeder Musiker damals auch komponierte, und sie dienen, was für heutige Klavierschüler unvermindert wichtig geblieben ist, der Erlernung des „cantablen” Spiels.
Doch nicht nur die Inventionen, auch viele andere kleinere Werke schrieb Bach für seine Schüler. Dies bezeugen unter anderem die „Notenbüchlein” für seinen Sohn Friedemann und seine zweite Frau Anna Magdalena. Das Notenbüchlein für Friedemann Bach (Cöthen 1720) enthält sechs kleine Präludien, die exemplarisch in bestimmts Spielweisen und Verzierungsregeln einführen. Eines dieser Stücke, das in g-Moll, hat Bach sogar Note für Note mit Fingersätzen versehen. dass selbst solche übungsstücke kleine Meisterwerke sind, versteht sich bei Bach von selbst.
Im ersten Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach (1722) finden sich fünf der insgesamt sechs Folgen kleinerer Tanzsätze, die wir unter dem Namen „Französische Suiten” kennen. Wir können an ihnen damals gebräuchliche Tanzformen exemplarisch studieren, aber auch lernen, wie man auf dem Klavier artikuliert, phrasiert und rhythmisch charakterisiert. Dazu muß man wissen, dass scharfer Rhythmus damals noch nicht durch den erst später eingeführten zweiten Verlängerungspunkt notiert wurde und dass ein Pausenzeichen überhaupt keinen Punkt erhielt. Nur dem jeweiligen Zusammenhang kann man daher entnehmen, ob bei einfacher Punktierung ein Rhythmus im Verhältnis 3:1 oder 7:1 gemeint ist. Ich versuche beispielsweise in der Sarabande der hier eingespielten 5. Französischen Suite, diesem Umstand gerecht zu werden, denn eine der Notierung nach heutiger Lesart folgende Ausführung wäre mit Sicherheit nicht überall richtig.
Dasselbe gilt für das Adagio der Toccata in D-Dur, die wahrscheinlich schon in Arnstadt (vor 1708) entstand. Sie ist im übrigen ein glänzendes Virtuosenstück des jungen Bach, das im Wechsel von Improvisation und strengem Fugato, von „cantablen” und spielerisch brillanten Abschnitten auch auf dem Konzertflügel seine Wirkung nicht verfehlt.

Noch etwas früher (1704) entstand das Capriccio B-Dur „über die Abreise seines sehr geliebten Bruders”. Programmatische Stücke wie die kurz zuvor erschienenen „Biblischen Historien” von Johann Kuhnau waren damals sehr beliebt. Dennoch blieb dieses Capriccio das einzige Werk seiner Art in Bachs Schaffen. Es war für den Neunzehnjährigen wohl nur ein Scherz (aber welch ein genialer Scherz!) bei Gelegenheit der Abreise seines älteren Bruders Johann Jakob, der sich als Oboist bei der Garde des schwedischen Königs verpflichtet hatte. In der bildhaften Anschaulichkeit dieser Musik, die schon Goethe rühmte, liegt ein besonderer Anzeiz, das Stück mit den klangmalerischen Mitteln des Klaviers zu gestalten.
Relativ wenig bekannt ist die in unsere CD aufgenommene Fantasie und Fuge in a-Moll. Auch weiß man nicht genau, wann sie entstanden ist, zweifellos aber in der Zeit reifer Meisterschaft, vermutlich erst in Leipzig (ab 1723). „Fantasie” bedeutet hier nicht etwa eine freie Form, im Gegenteil: Sie ist teilweise fünfstimmig und strenger gearbeitet als ein Präludium, möglicherweise auch für Orgel gedacht. Die vierstimmige Doppelfuge exponiert nacheinander zwei gegensätzliche Themen, die schließlich miteinander verbunden werden. Auch hier nähert sich der Klavierklang dem der Orgel an.
Mit diesem großartigen Werk ist auf unserer CD die Reihe der Original-werke für Klavier abgeschlossen. Zu den nun noch folgen Bearbeitungen, sei mir ein persönliches Wort gestattet:
Bach-Bearbeitungen waren in meiner Studienzeit (um 1950) grundsätzlich verpönt, sie wurden als zeitlich gebunden (was sie sicher auch sind) und als geschmacklos (was sie sicher nicht sind) empfunden. Heute, nicht obwohl, sondern vielleicht gerade weil es so viele gute Aufnahmen historisch authentischer Aufführungspraxis gibt, ist die Scheu vor Bearbeitungen geschwunden, und wir erkennen wieder, nicht nur in den Bearbeitungen von Busoni, den Reiz einer jeweils persönlich charakteristischen und pianistisch farbigen Darstellung einer Musik, die in ihrer Substanz unter solchen stilistischen „Fragwürdigkeiten” nicht nur nicht leidet, sondern zusätzliche Aspekte ihrer Genialität freigibt. Freilich unter der Voraussetzung, dass auch der Bearbeiter etwas Geniales in sich trägt, wie zum Beispiel Wilhelm Kempff. Seine Bach-Bearbeitungen, die ich an einem wunderbaren Tag in Positano noch von ihm selbst gespielt hören durfte, haben mich seitdem (1961) nicht losgelassen. Drei davon, dazu der Choral „Jesu, meines Herzens Freude” in der durch Dinu Lipatti berühmt gewordenen Fassung von Myra Hess, stehen daher am Schluß dieser CD.

F. W. Schnurr (Einführungstext zur CD mit Klavierwerken von J. S. Bach 1996)

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Last modified: June 07 2018