Friedrich-Wilhelm
Schnurr
Lippische Landeszeitung
1929 – 2017
OK
LLZ 21.Januar 2004
Spaß am „schönen” Stress
DAS INTERVIEW mit Friedrich Wilhelm Schnurr

Detmold. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag: Prof. Friedrich Wilhelm Schnurr, Pianist und langjähriger Rektor der Musikhochschule, wird heute 75. LZ-Redakteurin Sabine Flamme-Brüne sprach mit ihm über das Vergnügen, „nur” Pianist zu sein, und das Üben, das nie aufhört.
 
? Fangen wir doch mal ganz von vorne an...
Schnurr: (lacht) Also an meine ersten drei Lebensjahre kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, die müssen wir aussparen.
? Aber an den Beginn Ihrer Karriere als Pianist können Sie sich bestimmt erinnern?
Schnurr: Ja, das war kurz vor meinem achten Geburtstag. Ich hatte damals den dringenden Wünsch, von dem ich auch nicht abzubringen war, mit dem Klavierspiel zu beginnen - vielleicht, weil bei uns zu Hause eins stand. Ich bekam dann auch eine sehr liebe Klavierlehrerin, und eine Erinnerung an sie hat sich mir bis heute eingeprägt: Zu meinem achten Geburtstag hatte sie mir eine Schachtel Katzenzungen auf den Notenhalter des Klaviers gelegt - das war mir natürlich viel wichtiger als die richtige Haltung des Handgelenks.
? Und wann verlagerte sich die Gewichtung zugunsten des Klavierspiels?
Schnurr: (lacht) Erst kam mir noch die Orgel dazwischen. als ich zwölf jahre alt war, bekam ich auch Unterricht auf diesem Instrument, aber als nach dem Krieg die Schulen wieder aufmachten und ich mit einem Jahr Verspätung das Abitur machen konnte, war mir klar, dass ich Berufsmusiker werden wollte. War nur die Frage, mit welchem der beiden Instrumente. Ich habe mich dann für das Klavier entschieden, weil ich mich mit der Orgel im wesentlichen auf die Kirchenmüsik hätte konzentrieren müssen. Und ich bin ganz froh, dass ich damals diese Entscheidung so getroffen habe - ich glaube, ich bin mit dem Klavier ganz gut zurecht gekommen.
? Sie haben ja hier in Detmold studiert...
Schnurr: Ja, ich bin in Gütersloh aufgewachsen und kam 1949 hierher an die neu gegründete Musikakademie, die ja praktisch vor der Haustür lag, wo ich bei Hans Richter-Haaser studierte.
? Wenn man ihnen damals prophezeit hätte, dass Sie selbst mal Rektor dieser Hochschule würden ...
Schnurr: ... dann hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass das wahr werden könnte. Ich habe 1953 das Konzertexamen gemacht, war dann erst mal ein paar jahre unterwegs, ehe ich mit einem kleinem Lehrauftrag zurückkam. Und auch, als ich in den 60er jahren hier Professor wurde, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass ich eines Tages Rektor dieser Hochschule werden könnte. das kam dann später zu meiner eigenen Überraschung mehr oder weniger von selbst auf mich zu. Ich war ja zehn Jahre Stellvertreter von Direktor Martin Stephani - da lag es dann nahe, 1982, als Stephani sich nicht mehr für das Amt zur Verfügung stellte, seinen Stellvertreter zu benennen. Also war ich bis 1993 der Rektor der Musikhochschule.
? Und nebenbei ein sehr gefragter Pianist...
Schnurr: Ich hatte Mitte der 80er Jahre Kontakte nach Japan bekommen. Und mein Debüt dort als Konzertpianist funktionierte. Damit begann für mich so etwas wie eine zweite Karriere - eine bessere Bezeichnung fällt mir nicht ein. Denn hier war ich für Kenner der Musikszene der „Chef der Detmolder Hochschule” - in Japan war ich „nur” Konzertpianist”, zudem noch mit dem Pluspunkt versehen, dass ich aus dem Land von Beethoven und Brahms kam.
? Sie haben in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Asien konzertiert - was ist jetzt Ihr nächstes Projekt?
Schnurr: Das Schöne am Ruhestand ist ja, dass man sich seinen Stress selbst aussuchen kann. Ich laufe keineswegs hinter Konzertauftritten her, sondern lasse Anfragen auf mich zukommen. Mein nächstes Projekt findet Ende April statt, da konzertiere ich in einer privaten „European Business School” in der Nähe von Rüdesheim zugunsten von Waisenkindern in Peru - darauf freue ich mich sehr. Und habe auch schon eine Idee für die Programmzusammenstellung.
? Wie häufig üben sie denn? Haben sie einen festen Probenplan?
Schnurr: Das Üben ist in der Menge unterschiedlich - es kommt schon ein bisschen auf das Ziel an. Wenn ich kein Konzert vor mir habe, dann nehme ich mir ein Werk vor, das ich bislang vor mir hergeschoben habe. Derzeit beschäftige ich mich mit Bachs „Goldberg-Variationen”, einem der großen Meisterwerke der musikalischen Weltliteratur. Ob ich es jemals vor Publikum spielen werde, weiß ich noch nicht - im Moment macht es mir Spaß, das Werk einfach nur für mich zu erarbeiten, und ich muss sagen, das Klavierspiel hat auch den Vorteil, dass es einen geistig frisch hält, weil man den Kopf benutzen muss.
? Was ist denn für den heutigen Tag geplant?
Schnurr: Na, ich rechne schon damit, dass der eine oder andere vielleicht vorbeischaut. Meine Familie - unsere drei Kinder und zehn Enkel - wird sich erst zum Wochenende vollzählig versammeln, worauf ich mich sehr freue. und wenn ich die Zeichen richtig deute, dann gibt's zu meinem Geburtstag das Essen, das es immer an diesem Tag gibt: Königsberger Klopse.
 
 

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Last modified: June 09 2018