Friedrich-Wilhelm
Schnurr
Schumann Klavierstücke
1929 – 2017
OK
Klavierstücke v. Robert Schumann

Robert Schumann ließ sich bekanntlich zu seinen Kompositionen oft auch durch außermusikalische Eindrücke wie Szenen und Figuren aus Literatur, Theater und Gesellschaft auf vielfältige Weise anregen. So begegnen uns gleich in seinem ersten großen Zyklus „Carnava” (1834/35 - die Opuszahlen sind für die Reihenfolge der Entstehung nicht maßgebend) in einem bunten Bilderbogen viele Gestalten und Charaktere, erfundene (Florestan, Eusebius) wie reale (Chiarina = Clara Wieck, Estrella = Ernestine v. Fricken, Chopin, Paganini), oder auch Figuren der Commedia dell'arte (Pierrot, Arlequin, Pantalon et Colombine), und sie alle bewegen sich im Rahmen eines Maskenballes, den Schumann in der böhmischen Stadt Asch, dem Geburtsort seiner damaligen Verlobten Ernestine, erlebt hatte. Die Buchstaben des Städtenamens Asch ergaben, in Noten umgesetzt, den motivischen Leitfaden, der die Komposition strukturell zusammenhält, denn natürlich ist im übrigen, dem karnevalistischen Milieu entsprechend, die Form locker und frei, voller Überraschungen und Extravaganzen. Scherz und Ernst, Ironie und innige Empfindung sind eng ineinander verwoben, interpretatorischer Phantasie und spontaner Gestaltungsfreude kaum Grenzen gesetzt, und so spiele und erlebe ich dieses grandiose Werk noch nach 40 Jahren immer wieder neu.
Als eine der schönsten Episoden des „Carnaval” empfinde ich die Hommage an Chopin, den Schumann bewunderte und dessen Freundschaft er (vergeblich) suchte. Es ist noch wenig bekannt, dass er um die gleiche Zeit auch Variationen über ein Nocturne von Chopin konzipierte, die er leider nicht zu Ende führte. So blieb die Komposition Fragment und wurde von Joachim Draheim, der sie behutsam um acht Takte ergänzte, in dieser Form erst im vergangenen Jahr in der Edition Breitkopf veröffentlicht. Es handelt sich bei unserer Aufnahme meines Wissens um eine Ersteinspielung.
Ebenfalls als eine Reihe von Variationen entpuppen sich die Impromptus op.5 aus dem Jahre 1832. Variiert wird zunächst nicht die Melodie der hübschen „Romanze” der

damals erst 13-jährigen Clara Wieck, sondern deren Bass, der - nach dem Vorbild der Beethovenschen Eroica-Variationen - zu Beginn erst einmal allein vorgestellt wird. Nach und nach entzünden sich dann virtuose Spielfreude ebenso wie innige Poesie bis zum kontrapunktisch mit glänzender Meisterschaft gesetzten Finale („quasi satira”) und dem überraschenden Schluß, in dem das Thema sich gleichsam in Luft auflöst. In einer späteren überarbeitung (1850) ersetzte Schumann diesen sehr originellen Schluß und einige weitere Details durch andere Lösungen, strich zwei Variationen (die 3. und die 10.) ganz und führte stattdessen nur eine neue (3.) Variation ein. Obwohl das Werk als Ganzes dadurch zweifellos an Geschlossenheit gewonnen hat, haben wir uns bei unserer Aufnahme dennoch für die ursprüngliche Fassung entschieden, zumal sie in zeitlicher Nachbarschaft zu den anderen Werken unseres Programms steht.
Die Arbeit an den „Exercices” - Etüden in Form freier Variationen über ein Thema von Beethoven - umspannt die gesamte Entstehungszeit der hier eingespielten Klavierwerke Robert Schumanns. Es gibt drei nur zum Teil identische handschriftliche Entwürfe zwischen 1831 und 1833, die bezeugen, wie intensiv der Komponist sich mit dem Schaffen Ludwig van Beethovens beschäftigt hat, und er erwähnt später eine vermutlich 1835 angefertigte Reinschrift, die jedoch bisher unbekannt geblieben ist. Robert Münster hat die insgesamt 15 Stücke aus den Quellen zusammengetragen und 1976 im HenleVerlag veröffentlicht. Dabei hat er eine Reihenfolge des Vertrags empfohlen, die mir so überzeugend erscheint, dass ich sie für unsere Einspielung unverändert übernommen habe. Es ist vor allem das Thema des zweiten Satzes der 7. Symphonie, das Schumann nicht losgelassen hat, aber es klingen auch Motive aus dem 1. Satz der 7., dem 2. Satz der 6. und dem 1. Satz der 9. Symphonie an. So sind diese „Exercices” in ihrer Mischung von spielerischer Brillanz und sehnsuchtsvoller Reminiszenz ein bewegendes Zeichen der glühenden Bewunderung, die das Genie Schumann dem Genie Beethoven entgegengebracht hat.

F. W. Schnurr (Einführungstext zur CD mit Klavierstücken von R. Schumann 1993)

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Last modified: June 07 2018