Friedrich-Wilhelm
Schnurr
Lippische Landeszeitung
1929 – 2017
OK
LLZ 9. Mai 1995
Lippisches Kultur-Journal
„Musik über Grenzen": Friedrich Wilhelm Schnurr interpretierte große Fantasien für Klavier
Virtuosität und Eleganz des Ausdrucks
Von Axel Schröter

Große Werke großer Komponisten hatte Friedrich Wilhelm Schnurr für das Programm seines Klavierabends ausgewählt, den er in der Neuen Aula der Musikhochschule im Rahmen der Konzertreihe „Musik über Grenzen” gab. Werke, die in ihrer Tiefe unerschöpflich sind, mit denen man sich als Pianist oder Hörer ein Leben lang beschäftigen kann und in denen man immer wieder erneut Klangkonstellationen und latente Zusammenhänge erlauschen wird, von denen man zuvor kaum etwas ahnte.
Vergegenwärtigt man sich Friedrich Wilhelm Schnurrs Interpretation der C-Dur-Fantasie Opus 17 von Robert Schumann, so muß man geradezu ins Schwärmen geraten. Allein wie es Schnurr hier schaffte, den gigantischen, vielgliedrigen Kopfsatz mit nie abreißender Spannung zu realisieren, wie er musikalische Bögen schlug, Formzusammenhänge offenlegte, das Hauptthema leitmotivisch und facettenreich ausleuchtete, damit Vergangenes und Gegenwärtiges ineinander verschränkte, war faszinierend.
In höchstem Maße bewundernswert war auch, wie er einerseits organische Übergänge gestaltete und andererseits Kontraste mit zwingender Evidenz entfaltete und wie der Schluß, wo Schumann auf Beethovens Liederkreis Opus 98 in reinster Form anspielt, zu einem wirklichen Moment der Erfüllung geriet.

Auch die Anklänge an Schumanns Opus 15 Nr. 12 im zweiten Teil der Fantasie dürften dem Hörer kaum jemals so deutlich ins Bewußtsein getreten sein. Das Finale rückte Schnurr partiell in die Nähe des Kopfsatzes der „Sonata quasi una fantasia” Opus 27/2 von Beethoven.
Ein interessanter Bezug, der vor allem deshalb evident wurde, weil Schnurr dieses sich an Abgründen vorbeibewegende cis-Moll-Stück unmittelbar zuvor, als Eröffnung des Konzertabends vortrug. Im Gegen- satz zu seiner Schumann-Interpretation ließ Schnurr bei Beethoven vor allem im Finale eine maßvolle, klassische Strenge walten.
Die f-Moll Fantasie Chopins bot der ehemalige Rektor der Musikhochschule mit großer technischer Bravour und musikalischer Eleganz.
Während Liszts sogenannter „Dante-Fantasie” traten zwar zweimal deutliche Konzentrationsschwächen auf, das änderte indes nichts daran, daß auch hier der Gesamteindruck, vor allem in Hinblick auf die musikalische Formung und die Entfaltung der Charaktere ein schlichtweg vortrefflicher blieb. Virtuosität wurde dabei vollends zum Mittel des Ausdrucks.
Das Publikum dankte Schnurr mit begeistertem Applaus, für den sich der Pianist seinerseits mit drei Zugaben bedankte.
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Last modified: June 09 2018