Friedrich-Wilhelm
Schnurr
Schubert Imprumptus
1929 – 2017
OK
Schubert Impromptus

Was gäbe es über die acht Impromptus von Franz Schubert noch zu sagen, das nicht längst bekannt wäre? Wer Klavier spielt, lernt sie - oder doch die meisten von ihnen - bereits als Kind in der Klavierstunde kennen, und wenn es darin auch manches zu üben gibt, was nur auf den ersten Blick als leicht erscheint, so gelten diese Stücke im allgemeinen doch als höchstens mittelschwer.
So dachte auch ich, als ich mich als Kind erstmals mit Schuberts Klaviermusik beschäftigte. Ich fand die Impromptus sehr schön, eigentlich leicht zu spielen, jedenfalls nicht so schwer wie die Wanderer-Fantasie und die großen Sonaten, vor denen ich mich noch ein wenig fürchtete, aber auch nicht so bedeutend - eben, wie man sagt: „Hausmusik”.
Doch diese Einschätzung änderte sich im Laufe der Zeit, und schließlich wurde mir klar, dass diese „Impromptus”, ihrem Namen nach zu urteilen scheinbar leicht hingeworfene Kompositionen, in Wahrheit zum Höchsten und Tiefsten gehören, was die gesamte Klavierliteratur aufzuweisen hat.
Natürlich wuchsen mit dieser Erkenntnis auch die Schwierigkeiten der Interpretation, nicht obwohl, sondern gerade weil die spieltechnischen Anforderungen, für sich genommen, tatsächlich bald bewältigt waren - doch dann fangen ja die Gestaltungsprobleme bei großer Musik in der Regel erst an.
Und so haben mich diese „Klavierstücke” (wie sie Schubert selbst genannt hat) bis heute begleitet und immer wieder neu zur Nachgestaltung angeregt und herausgefordert. Sie sind Musik für Klavier, natürlich, aber immer auch wesentlich mehr: Sie weisen über das Instrument hinaus, selbst dort, wo sie pianistisch virtuos gesetzt sind, wie in den schwingenden Tonleitern des Es-Dur-Stückes aus op. 90 oder in den brillianten Passagen des tänzerisch bewegten f-Moll-Impromptus op. 142 Nr. 4.
Unerschöpflich ist der Reichtum an melodischen Einfällen, wie wir sie vielfach aus Schuberts Liedern kennen. Das Ges-Dur-Impromptu aus op. 90 ist geradezu in seiner Gesamtheit ein auf dem Klavier zu singendes Lied, es könnte, wie später bei Mendelssohn, durchaus „Lied ohne Worte” heißen.

Doch nicht nur die Forderung nach kantabler Gestaltung auf einem seiner Natur nach eigentlich nicht kantablen Instrument (deswegen ist ja das Spiel einer einfachen Melodie manchmal so schwer) muß der Pianist erfüllen.
Wie schon bei Beethoven gilt es oft auch bei Schubert, durch das Klavier ein Orchester zu suggerieren. So drängt sich mir etwa zu Beginn des ersten Impromptus c-Moll die Vorstellung von Holzbläsern und Streichern, erst im Wechsel, dann im Zusammenklang, geradezu auf. Später treten auch Blechbläser hinzu. Ich könnte viele weitere Beispiele, auch in den anderen Stücken, nennen.
Doch so sehr der Klaviersatz oft zum „Instrumentieren” reizt, so ist er doch zugleich immer auch ein glänzender Klaviersatz, glänzend allerdings nicht in erster Linie durch spielerische Virtuosität, obwohl es diese nach dem klassischen Vorbild des von Schubert besonders bewunderten Beethoven auch gibt, sondern glänzend vor allem in seiner Vielfalt an harmonischen und klanglichen Farben, einer Vielfalt, die dem reichtum dieser Musik an romantischen Stimmungen und Ausdrucksnuancen entspricht.
Je länger wir uns mit Schuberts Impromptus beschäftigen, desto beglückender erfahren wir die Stärke und Tiefe der menschlichen Empfindungen, die sie uns mitzuteilen vermögen. Nach und nach beginnen wir zu begreifen, dass diese oft so einfach und gleichsam „natürlich” scheinende Musik in Wahrheit erst am Ende eines langen und schwierigen Weges, wohl schon in Ahnung des nahen Todes, Gestalt finden konnte. Wir erleben die ungeheure innere Dynamik des Unheimlichen, die zuweilen hinter der liebenswürdigen Geste überwältigend hervor bricht (op. 90 Nr. 2, Schluss!), die Spannungen zwischen Gelassenheit und Leidenschaft (moderato und appassionato in op. 142 Nr. 1), die Mannigfaltigkeit der musikalischen Charaktere (Variationen op. 142 Nr. 3) - und über allem und in allem die unauslöschliche Sehnsucht des Sterblichen nach dem verlorenen Paradies.

F. W. Schnurr (Einführungstext zur CD mit Impromptus von F. Schubert 1994)

Datenschutz
Last modified: June 07 2018