Friedrich-Wilhelm
Schnurr
Versuch (Beethoven)
1929 – 2017
OK
Aus dem „Versuch über die wahre Art, Beethoven auf dem Klavier zu spielen” - Vortrag mit Beispielen auf dem Jahreskongress 1988 der Japanese Piano Teachers Association in Tokyo:

„... um die Musik einer vergangenen Zeit richtig spielen zu können, genügt es nicht, die Spielregeln dieser Zeit zu kennen, sondern man muss darüber hinaus die Gründe verstehen, aus denen diese Spielregeln entstanden sind; das heißt: Man muss sich in die Vorstellungen und den Geist der damaligen Zeit zurückversetzen. Das so gewonnene künstlerische Konzept ist dann in unsere Gegenwart zu transponieren. ... Dass dabei innerhalb dessen, was man als allgemein richtig bezeichnen kann, verschiedene Ergebnisse möglich sind, liegt auf der Hand. Die allein richtige Darbietung eines historischen Musikwerkes kann es also nicht geben. Besonders bei Beethoven, von dem wir jetzt sprechen wollen, kommt noch etwas Wesentliches hinzu: Beethovens Musik muss nämlich nicht nur aus historischer Sicht interpretiert, sondern auch aus der ganz persönlichen Empfindung des jeweiligen Interpreten gestaltet werden. ...

Machen wir uns noch einmal klar, an welchem Punkt der europäischen Musikgeschichte Beethoven erscheint: Es ist genau jener Moment, in dem das Individuum sich in seiner persönlichen Eigenart von der Gemeinschaft emanzipiert, der es angehört. Wo die Musik eines J. S. Bach oder Händel meistens allgemeine Empfindungen wie Freude oder Schmerz zum Ausdruck gebracht hatte, wo auch Haydn und Mozart, so sehr sie bereits eigene Wege gingen, sich im Wesentlichen noch im Rahmen der gegebenen Konvention bewegt hatten, brach Beethoven diese Konvention nun mehr und mehr auf. Seine Musik sagte gewissermaßen nicht mehr „wir”, sondern sie sagte „ich”: „Ich empfinde dies” und „ich denke das”. Doch war dabei die Logik seiner Formgestaltung so stark, ja überhaupt die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit so überwältigend, dass gleichsam aus dem individuellen „ich”, das in seiner Tonsprache Ausdruck fand, ein neues gemeinschaftliches „wir” erwachsen konnte, in demsich alle Menschen wiederfanden. Damit wird aber auch der ungeheure Anspruch deutlich, den Beethoven an seine Interpreten stellt.

Musikhistorische Kenntnisse und genaues Studium des Notentextes sind unerlässliche Voraussetzung einer guten Beethoven-Interpretation, sie allein genügen jedoch bei weitem nicht. Ebenso wenig kann man Beethoven gerecht werden, wenn man nur pianistische Virtuosität und starkes Temperament einzusetzen hat. Auch die stärkste persönliche Empfindung muss eingebunden werden in die Logik musikalischer Formen, damit sie für alle verständlich wird. Doch muss auch jede musikalische Form in der persönlichen Empfindung dessen, was sie zum Ausdruck bringt, nachgestaltet werden. In dieser Verbindung liegt die besondere Herausforderung an die Virtuosität, die Intelligenz und die emotionale Gestaltungskraft des Beethoven-Interpreten; darin gründet aber auch die besondere Beglückung des Spielers wie des Hörers durch Beethovens Musik. ...

Beethoven hat im allgemeinen sehr genau notiert und viel mehr Hinweise zur Dynamik und zur Artikulation, zur Tempoführung und zum musikalischen Ausdruck gegeben als seine Vorgänger. Man muss daher seine Texte entsprechend genau lesen, nicht nur die Noten, sondern auch alle Vortragsbezeichnungen. Viele Darbietungen Beethovenscher Werke, selbst von namhaften Pianisten, kranken daran, dass der Text nicht sorgfältig genug studiert worden ist. ... Doch wäre ein bloß buchstabengetreues Abspielen des Textes mindestens ebenso unbefriedigend. Denn wenn es auch richtig ist, dass Beethoven ziemlich genau notiert hat, so hat er doch bei weitem nicht alles notiert, schon deswegen nicht, weil sich in der Musik viele Nuancen gar nicht notieren lassen. Und wenn etwas, das sich durchaus notieren lässt, dennoch nicht dasteht, obwohl wir es eigentlich erwartet hätten, wissen wir oft nicht, ob Beethoven eine Nuance nicht notiert hat, weil er sie nicht wollte oder weil er sie für selbstverständlich hielt. So bleiben viele Fragen offen, die jeder Interpret aus eigener Sicht beantworten muss. ...”
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Last modified: June 07 2018