Friedrich-Wilhelm
Schnurr
Neue Westfälische
1929 – 2017
OK
Neue Westfälische 7.2.2001
UNEITLE POETISCHE DARSTELLUNGEN
Friedrich Wilhelm Schnurr spielte Beethoven, Schubert und Chopin
Von Matthias Gans

Gütersloh. Einige Gütersloher werden Friedrich Wilhelm Schnurr vielleicht mit Beethovens 5. Klavierkonzert im Dezember letzten Jahres in der Stadthalle erlebt haben. Wer den emeritierten Detmolder Klavierprofessor allerdings erneut am Sonntag hören konnte, und das waren im überfüllten Theater trotz starken Konkurrenzangebots (gibt es eigentlich keine Kommunikation unter den Veranstaltern?) nicht wenige, durfte den Pianisten in einer von äußeren Zwängen und Rücksichten befreiten Situation und somit entspannter Stimmung erleben.
Franz Schuberts letzte Sonate in B-Dur D 960 stand im Zentrum des Abends, flankiert von Werken des jungen Beethoven (Sonate c-Moll op. 10/1) und vier Einzelwerken Prüderie Chopins, die Schnurr im zweiten Teil des Konzertes en bloc spielte. Eine Werkauswahl also, die jeweils andere Qualitäten vom Pianisten abverlangt. Und die doch in ihrer Darstellung die unverkennbare Handschrift Friedrich Wilhelm Schnurrs trugen. Ein wenig mochte man sich an bei Schnurrs Spiel an die Aufnahmen des späten Backhaus erinnert fühlen. So uneitel werkdienlich, so innig belebt, dabei von profunder manueller Souveränität spielen nur wenige Pianisten. Gerade einem Werk wie Schuberts B-Dur-Sonate kann die unverstellte Sicht auf den Notentext nur gut tun. Vor allem die gewaltigen Dimensionen des Kopfsatzes wusste Friedrich Wilhelm Schnurr mit flüssigem, aber nie gehetzt wirkendem Tempo zu raffen, wobei er auf die Wiederholung der Exposition verzichtete und damit die vielfach zitierten „himmlischen Längen” nicht unnötig dehnte. So genau und sensibel Schnurr die Details auskostete, vergaß er nicht den Blick auf die große Form.
Das gilt für den Bau des Kopfsatzes wie für das Sonatenganze. Die vermeintliche Heiterkeit des Finales erführ bei ihm mit deutlich herausgearbeiteten dramatischen Passagen und Moll-Eintrübungen die so schwer darzustellende Schubertsche Doppelbödigkeit.

Und auch das Scherzo klang in seine kecken Fröhlichkeit ein wenig gebändigt, so dass das oft erfahrene Auseinanderfallen dieses Werkes nach dem mit großer Ruhe und langem Atem vorgetragenem Andante sostenuto gebannt wurde.
Der Schubertschen Weltentrücktheit stand einleitend Beethovens Heroismus in der frühen Sonate c-moll op.10 Nr.1 entgegen. Schnurr kostete die Kontraste des Kopfsatzes aus, wusste aber auch die thematische Dialektik in ihrer Aufeinanderbezogenheit verbindlich darzustellen. Das schmucklose Pathos des Adagio molto fand in dem Detmolder einen adäquaten Anwalt, der Erhabenheit nicht mit hohlem Pomp verwechselte.
Hatte Schnurr in Beethovens Sonate, vor allem auch im Prestissimo des Finales, noch mit der Widerständigkeit des pianistischen Materials zu kämpfen, so beeindruckte er im Chopin-Block als souveräner Pianist, der Virtuosität nicht als Vehikel der Selbstdarstellung missbraucht, sondern als musikalisches Mittel der Gestaltung erkannt hat. Es mag vielleicht pianistisch funkelndere, extrovertierte, doch keinesfalls poetischere Darstellungen von Chopins Musik geben. Da war die Ballade f-moll op.52 mit ihrem wunderbar gesungenem Hauptthema. Selbstvergessen und im herrlichen Jeu perle ließ er die Berceuse op.57 erklingen, bevor er mit dem selten gespielten Impromptu Ges-Dur op.51 und dem spritzig und poetisch zugleich gespielten Scherzo E-Dur op.54 den offiziellen Teil des Abends abschloss. Für den enthusiastischen Beifall bedankte sich Friedrich Wilhelm Schnurr mit Chopins Fantaisie-Impromptu und einer so schön gespielten Schumann-Romanze, dass man sich ein baldiges Wiederhören in Gütersloh mit Werken dieses Komponisten nur wünschen kann.
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Last modified: June 07 2018